Normalerweise ist der Tod präsent, aber doch immer weit weg. Heute nicht. Es hat einen Kollegen erwischt. Vormittags noch lockeren Smalltalk gehalten, nachmittags tot. Einfach so. Und schon stellt sich die Frage: Wie reagiert man eigentlich darauf? Klar, mit Trauer. Einen gewissen Schmerz wird niemand aus seinem Umfeld leugnen können. Jeder hat vermutlich seinen eigenen Weg, damit fertig zu werden. Aber schon beim ersten Gedanken daran hört man die Witwe nebenan schreien, sieht seinen Kindern in die Augen, und erkennt die Nichtigkeit der eigenen Gefühle im Vergleich zu dem, was diese Menschen nun durchmachen müssen.
Dann kommt die Gewissensfrage: Wie tritt man diesen Menschen gegenüber? Einfach überhaupt nicht? Wie verhält man sich den Kollegen gegenüber, die den Schock offensichtlich nicht so einfach auf die lange Bank schieben und später verarbeiten können? Für einige von ihnen ist eine solche Situation vermutlich völlig neu. Was erwarten sie, wenn sie gesammelt und fassungslos auf dem Gang stehen und mich ansehen, während ich vorbeigehe? Alles, was man da sagen könnte, wäre absolut lächerlich. Einfach ignorant vorbeizugehen, hinterlässt aber vielleicht den Eindruck, mir wäre das egal.
Und trotzdem sage ich nichts. Ich verziehe noch nicht einmal eine Mine. Wirklich ernste Gedanken trage ich nie automatisch nach außen, und wenn es auch sonst genug Anlässe zum Schauspielen gibt, so ist dies mit Sicherheit keiner. Das ist eine Angelegenheit, die jeder mit sich selbst ausmachen muss. Aufmunternde Worte wie "Herzliches Beileid" wären nichts anderes als eine deplazierte Ohnmachtsbekundung, die niemandem hilft. Einfach nur still an den Verstorbenen und seine Familie zu denken, hilft natürlich auch nicht. Aber immerhin ist es ehrlich.
Ich glaube, mit der Nähe des Todes kann ich besser umgehen als mit den Menschen, die er hinterlässt.
Comments
Der Tod ist ein verdammter Einzelgänger
Sollte man dann nicht als Titel wählen, der Tod macht uns zu Einzelgängern?
Wenn man sich der allgemein bekannten "Theorie" vom "Sensenmann" oder dem "Gevatter Tod" als einer Person stellt, ist diese Figur zum Zeitpunkt des Todes ja in Gesellschaft.